Text 20: Technologischer Fortschritt als Bremsklotz der Evolution ?! HIV mal ANDERS betrachtet.

Um HIV ist es ruhig geworden. Sollte es jedoch in den Medien thematisiert werden, dann im bisher üblichen Rahmen von AIDS, Homosexualität und Seuchentum. Dabei gewährt HIV einen Einblick in ein Geschehen, welches wesentlich für das Leben als Ganzes ist und welches bereits im Dreiteiler über das Impfen, im Text über Viren, und in einem Zweiteiler über Krebs angesprochen wurde … und welches zudem Thema des hier verlinkten Textes ist. Ein Text, der weit mehr zu bieten hat, als das einmalige Lesen vermuten lässt. Folgender Satz daraus fasst das besagte Wesentliche zusammen:

Do drugs that control viruses today also disrupt evolutionary processes that could benefit us for generations to come?

Quelle: nautil.us – The man who beat HIV at its own game for 30 years

Dieser Satz lässt sich nicht nur auf Viren übertragen, sondern gilt auch für andere Erreger von Aufmerksamkeit, den Bakterien. Zudem aber auch für all jene technologischen Errungenschaften, mit denen wir Menschen unserem Körper unter die Arme greifen wollen, um zu vollbringen, wozu er, so die allgemeine Annahme, selbst nicht in der Lage ist. Wie könnte er auch dazu in der Lage sein, ermöglichen wir es ihm doch immer weniger eigene Grenzen zu erfahren. Der verlinkte Text über HIV macht dieses sehr deutlich. So gibt es Menschen, die, von Natur aus, symptomlos mit HIV leben und HIV gar, nach Jahrzehnten, aus eigenem Vermögen wieder ”loswerden”, während andere dieses Vermögen nicht haben.

Beginnt man direkt nach Diagnosestellung mit EINER antiviralen Therapie, verkümmert dieses Vermögen, welches allerdings in den Vordergrund gelangen könnte, wenn die Therapie nicht begonnen würde. Genau dieses ist die verlinkte Geschichte von Kai Brothers, die exemplarisch für das menschliche Multilemma ist, sich zwischen dem eigenen Vermögen des Körpers und dem technologischen Imperativ, mit all seinen zeitgeistigen Versprechen, zu entscheiden. Beginnt sich, anhand dieser Entscheidung, bereits EINE weitere Trennung innerhalb der Spezies Mensch abzuzeichnen ? Wird manch EINER den Zeitgeist und seine Technologien verkörpern und manch EIN anderer körperliches Vermögen ? Oder übersehen wir einmal mehr wieder das Wesentliche, welches zugleich das bestens versteckte Offensichtliche ist ?!

Aus der Sicht von uns Menschen, uns EINEN, dürfte die Sache klar sein, stellen wir doch unser eigenes Leben bzw. das unserer Angehörigen über die Entwicklung unserer Spezies. Wenn man augenblicklich eine Krankheit durch Therapie angehen kann, was kümmert EINEN da die negative Auswirkung der Unterdrückung des Körpervermögens auf Generationen, die man selbst nicht mehr erleben wird ? Warum soll man an die Grenze des Körpers ohne Therapien gehen und sein Leben dabei aufs Spiel setzen ? Auch wenn jede antivirale Therapie, jedes Antibiotikum, jede Impfung sowie jedes künstliche Organ, die Schwächung des Vermögens EINER ganzen Spezies bedeutet ! Geht kulturelle Evolution vor natürliche Evolution ? Für uns Menschen offenbar ja, für das Leben als Ganzes wohl eher nicht. Und wenn schon jemand meint an seine Grenzen gelangen zu müssen, wie Kai Brothers, macht es dann nicht auch (kulturellen) Sinn den Grund des eigenen Vermögens zu isolieren, sodass auch jenen mit diesem zeitgenössischen Produkt geholfen werden kann, die nicht über dieses Vermögen verfügen … oder gar nicht wissen, dass sie eben doch, von Natur aus, im Besitz eines solchen Vermögens sind ? Die Antworten auf diese Fragen und all jene, die damit verkettet sind, liegen, zum einen, im Wesen von HIV und, zum anderen, im Wesen des Viroms allen Lebens. Die Arbeiten von Frank Ryan, Luis Villarreal, sowie Günther Witzany deuten in diese Richtung. Aber auch die verlinkte Geschichte von Kai Brothers gibt diesbezüglich reichlich Hinweise:

[Nowak] suspected the answer was evolution. Nowak knew that all copies of HIV contain mutations, which accumulate as the virus replicates over and over. As a result, the virus in an individual’s bloodstream gradually diversifies into distinct variants—a signature of natural selection. In fact, Nowak’s calculations suggested that HIV is one of the fastest-evolving viruses that scientists have ever encountered.

Quelle: nautil.us – The man who beat HIV at its own game for 30 years

Diese Zeilen geben wieder, was HIV wirklich offenbart, nämlich einen Einblick in die Dynamik der HARMONISIERUNG. Ermöglicht wird diese Dynamik durch die Diversität des Lebens als Ganzes, mit all ihren verschiedenen Verkörperungen und Nischenplayern, aber auch durch die Diversität innerhalb jeder einzelnen Spezies, ausgedrückt durch jeweils einzigartige Genome mit all ihren Mutationen und Abweichungen von irgendeiner unumstößlichen Norm, die es nicht geben kann und einzig Wunschdenken des Zeitgeistes ist. Gerade Viren machen dieses deutlich, den Zeitgeist als das entlarvend, was er hinter seiner Maske des Fortschritts ist, nämlich ein Parasit wie er im Buche (von Michel Serres) steht … und nicht, wie noch immer allgemeinhin betrachtet, ein egoistischer Schädling, denn ohne die Möglichkeiten des Fortschritts wäre die Geschichte von Kai Brothers nicht erzählt worden … und die Bedeutung des Eingangszitat unerkannt geblieben.

Einzig wir Menschen versuchen jedoch diese verkörperte Diversität zu umgehen, indem wir individuelles Körpervermögen durch eine möglichst breite technologische Produktpalette zu ersetzen versuchen. Höhepunkt dieser künstlichen Diversität ist die individuelle Therapie, zugeschnitten auf jeden einzelnen Körper, der jeweils aktuellen kulturellen Mode entsprechend, und von außen damit eingekleidet. So wird aus körperlichem Vermögen EIN Kapitel technologischer Möglichkeiten, welches sich in der Geschichte des Lebens eingenistet hat, ohne, von Beginn der Geschichte an, an der Entwicklung des Lebens beteiligt gewesen zu sein. Es gleicht dem Zerfall von Kohärenz in Dekohärenz, dem Umwandeln einer Wiege in Gräber sowie einer Lösung in neue Probleme. Und doch ist dieser Parasit ein Geniestreich der Evolution, einen Weg ermöglichend, den nur wir EINEN zu gehen vermögen, weil wir das Vermögen unserer Spezies gegen etwas einzutauschen bereit sind, was uns kurzfristig, für EINE Lebensspanne, immer wertvoller erscheint, jedoch, langfristig betrachtet, an Wert für das Leben als Ganzes verliert. Die Rede ist von der Beibehaltung der Verkörperung, von der Möglichkeit der Hinauszögerung des Todes.

Es ist der Weg, den die ANDEREN uns (vielleicht?!) ganz bewusst gehen lassen. Bis zu jenem Höhepunkt, ab dem ALLES A N D E R S werden kann. Jener Punkt, den wir nur erreichen, weil die ANDEREN zugleich an ihre Grenzen der HARMONISIERUNG gelangen. Jener Punkt, an dem die Gemeinschaft des Lebens durch die Teilvergesellschaftung des Menschen an ihre Grenze stößt. Jener Punkt, der den Weg der Menschen krönt, weil das Versprechen des Fortschritts uns motivierte ihm bis dorthin zu folgen.

Every system is a set of messages; in order to hear the message alone, one would have to be identical to the sender. [ … ] Maybe I understand the message only because of the noise.

Michel Serres – The parasite – S. 70

Es ist dies die höchste aller möglichen Ironien des Lebens. So sind wir EINEN der Meinung unser technologischer Fortschritt stünde über ALLEM, dabei sind wir einzig Mittel des Lebens zum Zwecke der gemeinsamen Bewusstwerdung, was dem Leben als Ganzes, den ANDEREN und uns EINEN, wirklich ALLES möglich ist. Was wir EINEN als primäres Ziel unseres Fortschritts ansehen, nämlich, uns EINEN das Leben zu erleichtern bzw. uns die Angst vor unserer verkörperten Vergänglichkeit zu nehmen, ist sekundärer Natur. Primärer Natur hingegen ist die Bewusstwerdung unserer Eingebundenheit in das GANZE bzw. unsere Sensibilisierung diesbezüglich.

Die Geschichte von Kai Brothers endet wie folgt:

Survival is everything, for both humans and viruses. But one of the things that makes us human is our desire to share survival with each other. It’s in our blood.

Quelle: nautil.us – The man who beat HIV at its own game for 30 years

Das Leben als Ganzes gewährleistet das Überleben des Lebens … über die jeweils aktuellen, und mitunter liebgewonnen, Verkörperungen hinaus. Daher sollte man nicht zu schnell über Parasiten urteilen und, anstatt sie auf der Stelle zu verurteilen, ihr Wirken im Rahmen des Lebens als Ganzes betrachten. Was auf den ersten Blick als geteiltes Leid erscheint, mag sich letztendlich doch als verteiltes Glück erweisen. Je nachdem, ob man ein Gefühl dafür entwickeln konnte, wo die Grenze zwischen Feindlichkeit und Gastlichkeit, zwischen hostility und hospitality, als schmaler Grat, verläuft …

 

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