Text 26: LEERE

Halte den Schalter
zwischen zwei feuchten Fingern,
habe Respekt
vor diesen allgegenwärtigen Dingern.
Habe keine andere Wahl
als ihnen Respekt zu zollen,
es geht mir wie all den Anderen,
die leben wollen.

Umgelegter Schalter,
das Leben endet unmittelbar als Strich,
Zeit vergeht, niemand da,
so wäre es das wohl für mich.
Läge auf dem Boden, ein Spielzeug,
in die Jahre gekommen,
bin leider vergänglicher,
ist das Blut erst einmal geronnen.

Trage eine Batterie in mir,
bin nun an sie gebunden,
vorbei die Zeit der Gemeinschaft,
bin nicht mehr mit ihr verbunden.
Habe nun in meinem Haus einen Schrank
voller Lebenserwartung, die mich erwartet,
sind wir alle inzwischen, mehr oder minder,
derart vom Leben entartet ?

Hängen am Faden,
gesponnen aus Ampere und Volt,
haben wir den Fortschritt
in dieser Form wirklich so gewollt ?
Vereinzelt
mag man sich dafür entschieden haben,
doch wurden wir alle
längst umgarnt von diesem Faden.

Sind eingewickelt, aufgeladen,
mit Schaltern versehen,
können nicht, dem Leben entsprechend,
aus der Geschichte gehen.
Sind involviert in die Extrovertiertheit
des Geistes der Zeit,
es fällt immer schwerer zu fragen:
Ist es für mich nun endgültig so weit ?

Machen längst, als Wesen,
keine eigenen Schritte mehr,
man hört vermehrt ein Flüstern, fragend:
Wo kommen all die Schrittmacher her ?
So stehen wir hier versammelt,
Schalter in der Hand,
stehen, anstatt gemeinsam,
der Gesellschaft hörig, vor einer Wand.

Bedeutet zu leben nicht mehr
als über ein wenig Strom zu verfügen ?
Genügt das Versprechen des Fortschritts,
um uns gegenseitig derartig zu belügen ?

Statt unseren Herzen zu folgen, tragen wir
unsere Fragilität nun offen zur Schau,
der Faden längst entartet
zu einem festen, robusten Tau.

Eine blecherne Stimme ertönt aus der Wand:
Schaltet euch ab. Das ist ein Befehl.
Schweigen. Stilles Gehorchen. Stur geradeaus.
Reih’ in Reih’. Parallel.

Erwache mit einem Schrecken,
eingewickelt in dicke Decken.
Es war nur ein Traum,
bin zurück im vertrauten Raum.

Entferne die Maske von meinem Gesicht,
kann ohne sie nicht schlafen, Luft bekäme ich nicht.
Bin abhängig des Nachts von diesem Gerät,
schalte es ab, frage mich erneut: Ist es wahrlich schon so spät ?

Erwache mit einem weiteren Schrecken,
eingewickelt in weitere Decken.
Es war auch dies nur ein Traum,
bin zurück im selben vertrauten Raum.

Schalte ihn ab.
Der Raum kollabiert zu einem Strich,
schreie auf, im Herzen einen Stich.

Schalte ihn ab.
Es gelingt mir nicht.
Sehe ein rotes Licht.

Die Batterie ist leer.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s