Homo Deus oder Homo Erraticus?

Das Buch HOMO DEUS von Yuval N. Harari verstand es, mich durchweg zu begeistern – und doch enttäuschte es mich zugleich. So ist das lesenswerte Werk der immer deutlicher werdenden Schattenseite unserer technologischen Entwicklung zwar auf der Spur, abzulesen beispielsweise an folgendem Zitat, doch versäumt es, die unbequeme WAHRHEIT über unser Treiben auszusprechen:

Die schlechte Nachricht ist, dass sich die Lage zwar verbessert hat, gleichzeitig aber die Erwartungen förmlich explodiert sind. Dramatische Verbesserungen der Lage, wie die Menschheit sie in den letzten Jahrzehnten erlebt hat, übersetzen sich eher in größere Erwartungen denn in größere Zufriedenheit. Wenn wir daran nichts ändern, dürften uns unsere Errungenschaften so wenig zufriedenstellen wie eh und je.

Yuval N. Harari – Homo Deus – S. 53

Es folgen unzählige nachvollziehbare Gründe für diese Entwicklung, in der der Autor unsere menschliche Vorstellung von Harmonie treffend herausarbeitet:

Mit jedem Jahr, das vergeht, nimmt unsere Toleranz gegenüber unangenehmen Empfindungen ab, während unsere Sehnsucht nach angenehmen Empfindungen zunimmt.

Yuval N. Harari – Homo Deus – S. 63

Endlich EIN Buch zudem, das der Rolle der ANDEREN Lebewesen, im Kontext unserer Entwicklung, reichlich Raum gewährt, denn, so schreibt der Autor:

Meiner Ansicht nach kann man über Wesen und Zukunft der Menschheit nicht ernsthaft diskutieren, ohne mit unseren Mitgeschöpfen zu beginnen.

Yuval N. Harari – Homo Deus – S. 95

Allein für diese Betrachtungsweise hat das Buch EINE große Leserschaft verdient, ist diese doch zwingend notwendig, um dem Zeitgeist nicht länger auf den Leim zu gehen und um sich der WAHRHEIT annähern zu können. Warum dann die eingangs erwähnte Enttäuschung?
Nein, es ist nicht die im Buch allgegenwärtige Gleichsetzung von Wirklichkeit und Realität, von Gefühl und Emotion, auch nicht die von Information und Daten. Weder ist es das gewohnte Anstimmen des Lobliedes auf die globalen Impfpraktiken noch das Aufgreifen des medialen Klageliedes vom Klimawandel, der, so der Tenor, bald in EINEM Wärmechaos enden wird – müssen solche Lieder doch vielleicht längst mitgesungen werden, um überhaupt EINEN Bestseller zu ermöglichen, vielleicht gar, um überhaupt EINEN Verlag zu finden. Ob Lieder solcher Art allerdings zum generationsübergreifenden Evergreen taugen, das wird indes die Zukunft zeigen. Jene, die HOMO DEUS thematisiert – auch wenn die Darlegungen des Autors schnell klarlegen, dass sich besagte Evergreens selbst widersprechen und so eher EINE Endlosschleife menschlicher Harmonievorstellung darstellen. EIN Widerspruch, der jedoch nicht der Absicht des Autors entsprechen dürfte, sondern Zeugnis des zeitgeistigen Leims ist, dem nicht nur Yuval N. Harari anhaftet.
Wodurch wird EIN Lied eigentlich EIN Evergreen? Dadurch, dass viele Menschen an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten in ihrer Hörgewohnheit und Harmonievorstellung übereinstimmen respektive kooperieren – woraus letztlich meine Enttäuschung hervorgeht, denn der Autor fasst zusammen, was er als DEN entscheidenden Unterschied unserer Spezies, im Vergleich zu allen ANDEREN Lebewesen, ansieht. EIN Unterschied, der, wie angedeutet, vonnöten ist, damit Lieder überhaupt zu Evergreens werden können. Wir EINEN sind so anders, weil:

Homo sapiens als einzige Art auf Erden in der Lage ist, in großer Zahl flexibel zu kooperieren.

Yuval N. Harari – Homo Deus – S. 183

Mit “unzähligen Fremden kooperieren“ zu können, das ist laut Yuval N. Harari DIE Basis unserer “Herrschaft über den Planeten Erde“.
Leider versäumt er zu erwähnen, dass erst unsere Möglichkeit, Energie zu rauben, EINE solche Kooperation ermöglicht – bis zum heutigen Tag und vom ersten Tag an, an dem ein brennender Ast in eine bis dahin finstere Höhle getragen worden war, dorthin, wo das Feuer von Natur aus nie von sich aus hingelangt wäre. Erst dadurch bedingt, konnte all das entstehen, was der Autor lesenswert als unsere Entwicklung als Spezies beschreibt, inklusive unserer gänzlichen Andersartigkeit, verglichen mit allen ANDEREN Lebewesen auf dem Planeten Erde.

All unsere Kreativität, die Entwicklung all unserer Sprachen, unserer Schriften, unserer Technologien, all das ist Folge des Energieraubes, als Ausdrucksform von Energie, die dergestalt ungebändigt ihr Unwesen treibt. Dieser Raub führt(e) zur Beschleunigung dessen, was von Natur aus, aus gutem Grund, weit mehr Zeit benötigt, denn die Beschleunigung lässt die Verstrickung EINER Spezies in den eigenen Wirren als flexible Kooperation von Fremden erscheinen, die sich aber ohne Energieraub nie begegnet wären, sei es körperlich wie virtuell, um sich so, kooperierend, EINEM Raubzug anschließen zu können, der die langsam sich bildende Verwobenheit ANDEREN Lebens für die Zwecke EINER Spezies ausbeutet, unaufhörlich und unzufrieden nach dem strebend, was Yuval N. Hararis Buch bezeichnenderweise als Titel trägt.

Warum es wichtig ist, den WAHREN Grund unserer Andersartigkeit zu erkennen und zu akzeptieren? Nun, die Zukunft der Menschheit gestaltet sich entsprechend. Wenn die in HOMO DEUS identifizierte Kooperation der Grund ist, ohne sich des Energieraubes bewusst zu werden, dann wird die Zukunft EINE ganz andere sein als es der Fall sein wird, wenn die Basis allen Strebens in WAHRHEIT der Energieraub ist. In letzterem Fall wäre EINE ganz ANDERE Zukunft möglich – oder wie es Yuval N. Harari ausdrückt:

… die […] beschriebene Zukunft ist lediglich die Zukunft der Vergangenheit – also eine Zukunft, die auf den Ideen und Hoffnungen beruht, welche die Welt in den letzten dreihundert Jahren bestimmt haben. Die wirkliche Zukunft – also eine Zukunft, die aus den neuen Ideen und Hoffnungen des 21. Jahrhundert erwächst – könnte eine völlig andere sein.

Yuval N. Harari – Homo Deus – S. 95

Wäre der Autor sich des Energieraubes und dessen Tragweite bewusst, dann wüsste er auch um die unterschiedlichen Schreibweisen, die uns EINEN von allen ANDEREN unterscheiden … und um die Möglichkeiten, die uns EINEN wieder auf den Boden zurückholen werden und nicht länger Irrwege verfolgen lassen. Keine Frage, Kooperation spielt dabei eine wesentliche Rolle, nur ANDERS als wir es aktuell noch für möglich halten und jene für notwendig erachten, die sich bereits selbst als EIN Gott auf Erden aufspielen und folgsame respektive folgenreiche Kooperation propagieren – in Form immergrüner Endlosschleifen. EINE Seite der WAHRHEIT fasst unser “göttliches“ Multilemma folgendermaßen zusammen:

Der Fortschritt der Gegenwart bestimmt über den Verlauf der Vergangenheit.
Je fortgeschrittener, desto mehr Unwahrheiten, auf denen die Zukunft aufbaut.

 

4 Kommentare zu “Homo Deus oder Homo Erraticus?

  1. Die Stärke von Hararis Buch ist die Darlegung der Abhängigkeit der Menschen von Geschichten, denn nur wenn möglichst viele Menschen sich in EINER Geschichte wiederfinden können, sind sie bereit, der Erzählung zu folgen. Die Schattenseite ist: Je mehr Energieraub ins Spiel kommt, desto eher kann EINE Lügengeschichte bzw. EINE Mär als stimmige Geschichte verkauft werden. Woran man solche Geschichten erkennt? Am sich verändernden Vokabular, allem voran dem Vokabular der Überschrift:

    https://wattsupwiththat.com/2018/01/28/atmosphere-cancer-the-latest-name-for-global-warming/

  2. Wie man es auch dreht und egal wie viel grüne Farbe man benötigt, um etwas “Gut“ und “Nötig“ erscheinen zu lassen: EIN Energieraub bleibt EIN solcher:

    https://wattsupwiththat.com/2018/01/05/elon-musks-latest-corporate-welfare-effort/

    Energieraub beginnt in der Regel mit EINEM großen E … siehe auch https://guidovobig.com/2017/08/28/e-infallsreich-unter-strom/

    Es gibt wohl immer mehr Energieoberhaupträuber, die von stattlicher Seite unterstützt werden …

  3. Höhlenmalereien werden als bedeutender Beweis für die menschliche Außergewöhnlichkeit bzw. Kreativität bzw. Intelligenz angesehen:

    http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/neandertaler-aelteste-hoehlenmalerei-europas-in-nordspanien-entdeckt-a-838916.html

    Offenbar war das Feuer zu jener Zeit bereits in manch EINER bewohnten Höhle angekommen. Demnach wären diese Künste EIN weiterer Beweis für die Auswirkungen des Energieraubes. Oder EIN wenig ANDERS ausgedrückt: Menschsein bedeutet EIN Energieräuber zu sein und EIN Mensch zu sein, beginnt mit dem Bewegen des Feuers fort vom Ort seiner natürlichen Entstehung, woraus Kontextauflösung hervorgeht und Problemverkettungen erfolgen. Die Energie, die der Raub EINEM zur Verfügung stellt, in welcher Form auch immer, sei es als Feuernutzung oder als Stromkreisschließung, muss irgendwie in die Realität einfließen, zwecks Handhabung, weshalb wir Menschen so anders sein können. Alles, was wir anders machen als ANDERE, ist einzig Folge EINES Energieraubes.

    Vor dem ersten Raub war der “Mensch“ nicht mit jenem nach dem Raub vergleichbar, sondern ANDERS unterwegs. Bedingt durch den Raub wurde der “Mensch“ EINE andere Spezies. Nun ist diese EINE Spezies unterwegs, um das Menschsein hinter sich zu lassen. Entweder, um etwas ganz anderes zu werden, wenn diese Spezies dem Energieraub derart weiter treu bleibt, oder aber, um, aufgrund der Erfahrungen als Energieräuber, in der Tat EINEN ganz ANDEREN Weg einschlagen zu können. Da der Weg, den das Buch HOMO DEUS aufzeigt, zu vorhersehbar ist, dürfte EIN ANDERER Weg wahrscheinlicher sein …

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