Die Normalisierung von Problemen

Im traurigsten Buch der Welt beschreibt der Autor, wie die Mindestanfordungen von Generation zu Generation dahingehend schwinden, was eine Generation unter unberührter Natur, unter Wildnis versteht. Er legt dar, dass das, was im Laufe der Zeit vom Natürlichen, vom Wilden übrig bleibt, sich mehr und mehr mit dem Künstlichen mischt, das wir Menschen in die Welt bringen – ohne jedoch in der jeweils gegenwärtigen Generation des begehrten Etiketts des Natürlichen verlustig zu gehen. Allerdings scheint das kein Einzelfall zu sein, sondern eher die Norm technologisch fortgeschrittener Menschen, denn auch mit der ganzen Palette an Problemen, die ihr technologischer Fortschritt global hervorbringt, wird von Generation zu Generation ähnlich verfahren.

Kürzlich titelte Zeit Online: Willkommen im Zeitalter der Epidemien und resümierte keinesfalls unerwartet:

Mehr Geld müsse in die Früherkennung von Infektionskrankheiten und in die Erforschung von Impfstoffen fließen. Denn wenn man Ausbrüche schon nicht verhindern kann, dann doch zumindest im Keim ersticken und so eine Epidemie verhindern.

Quelle

Der Artikel auf Zeit Online verdeutlicht sehr anschaulich, welche Mindestanforderungen heute an Lösungen gestellt werden, um Probleme anzugehen, die längst globale Ausmaße angenommen haben. Wo werden bezüglich der zunehmenden Epidemiegefahr die zugrunde liegenden Probleme verortet? Hier, laut Artikel, die Zitierung der Top 5:

  1. Mensch und Tier kommen sich näher
  2. Die Erde erwärmt sich, was Mücken freut
  3. Die Städte wachsen rasant
  4. Menschen kämpfen
  5. Menschen wandern

Damit einhergehend kommt es u. a. zu vermehrtem Fleischkonsum, zur Metropolenbildung und Landflucht sowie zur Zunahme des Flugverkehrs. Wie gehen wir all diese Probleme an? Natürlich so, wie im vorherigen Zweiteiler über die Evolution von Rattenschwänzen beschrieben wurde. Dabei kommt es uns Fortgeschrittenen obendrein sehr gelegen, dass mit jeder weiteren Generation von Lösungssuchenden die Mindestanforderungen dahingehend, ob ein Problem wahrgenommen wird, immer mehr mit Normalität vermischt werden. Solange, bis schließlich ein ehemals allgegenwärtiges Problem kaum mehr als solches wahrgenommen wird, weil das Potenzial des Problems in der Normalisierung, sprich Alltagswerdung, untergegangen ist – ohne allerdings wirklich aus der Welt zu sein. Im Gegenteil.

Es ist längst ganz normal geworden, dass immer mehr Geld für die Lösung von menschgemachten Problemen gefordert wird, um weitere Probleme als Lösung für im Grunde bislang Ungelöstes zu schaffen. Praktisch, dass das Ungelöste aber in der nächsten Generation etwas mehr zur Normalität werden wird – und daher als weniger problematisch, also als weniger lösenswert, erachtet werden kann.
So bewahrheitet sich einmal mehr: Fortschritt ist, die sich von Generation zu Generation beschleunigende Verlangsamung der Gewahrwerdung von problematischen Konsequenzen des Fortschritts selbst, die niemand am eigenen Leib zu spüren bekommen will – weshalb weiterer Fortschritt immer öfter als einzige Lösung wahrgenommen werden wird. Wahrscheinlich solange, bis irgendwann alles Künstliche ganz natürlich sein wird.
Es ist offensichtlich wie folgt: Sämtliche Epidemien, von den Pandemien ganz zu schweigen, sie sind allesamt von Menschen erdacht, gemacht, entfacht – weshalb der Mensch von Generation zu Generation immer anfälliger für Probleme wird …