Permanente Verfügbarkeit zieht permanente Nutzung nach sich

Leseprobe aus FRAGMENTE: Band 2

Es ist Sommer. Geliebten warmen Berührungen gleich, weht der Wind von Westen her. Bloß stromern die Füße flüsterleise durch das kühle Gras, dessen Halmspitzen die Haut über den Knöcheln kitzeln. Es sind Hunger, sich bemerkbar machend, und Durst, zaghaft mit einstimmend, denen ein reifer Apfel zur Besänftigung genügt. Ich pflücke ihn für sie im flimmernden Licht der Mittagssonne, nur eine ausgestreckte Armeslänge vom leicht geöffneten Mund hängt er entfernt, indessen sich der Gaumen bereits glücklich schätzt.  Zehenspitzen sind dafür nicht vonnöten. Mein Körper hat alles im Griff, spannt und streckt sich, entspannt sich wieder. Kaum hörbar macht es Plopp, ein paar Blätter rascheln und der Baum auf der Wiese überreicht mir seine rote Frucht. Ihr zu eigen, eine Andeutung von Gelb. Dankbar poliere ich die gelblich angehauchte Röte an meinem weißen T-Shirt glänzend. Schon mit dem ersten Bissen fließt mir der süße Saft am Kinn entlang, ab dem zweiten werde ich Teil der gesamten Essenz des Sommers. Ich setze mich kauend in den wundersamen Schatten des Baumes, fühle mich eingeweiht in den zyklischen Verlauf der Jahreszeiten. Ich lausche, was die Sonne dem Leben wortlos mitzuteilen hat. Es gelingt, indem ich schmecke, was das Licht in den letzten Wochen hat möglich werden lassen. ANDERE Stammzellen waren dafür am Werk gewesen, ANDERE, als jene, die in den Labors EIN Ernährungsproblem aus der Welt schaffen sollen. So einfach, ohne jedweden Einfluss EINER Menschenhand, denke ich und schließe die Augen. Die Maschinerie der Welt steht still.

Es ist Winter. Eisiger Wind fegt fern von Osten her über das kahle Land, als wäre ihm bange, des Frühlings wegen, der, so wird seit Wochen gemunkelt, bereits hinter dem Horizont gesichtet worden ist. Schwere Stiefel verdichten das Weiß meiner Schritte zum Auto hin. Ich blicke über die entlaubte Hecke. Das Gestell des Apfelbaumes erwidert meinen Blick, vom Garten her. Wie sieben Monate sich doch wandeln, wenn die Natur im Monochromen sich vorübergehend verliert.
Der Wocheneinkauf steht vor der Tür, soll heißen: EINE Autofahrt in die Stadt und der Einkauf selbst liegen noch in verschneiter Reichweite vor mir. Es fehlt im Vorrat das Übliche, vor allem aber fehlt Obst. Anfangs protestiert der Wagen, doch lässt er sich schließlich überreden in die Gänge zu kommen. Keine acht Kilometer über weißen und dunkelgrauen Asphalt, obendrein überwiegend geradeaus.
Das Einkaufszentrum, es wartet bereits grell erleuchtet und mit wachen eckigen Augen, sein Atem von angenehmer, den Sommer gedenkender Temperatur. Ich parke den Wagen und husche geduckt von einer Jahreszeit in EINE andere, die eine dazwischen überspringend. Zauberei.
Ich kenne mich hier im modernen Tempel der Sesshaftigkeit, der Verjagten und Versammelten aus, weshalb ich zügig fündig werde. Keine fünfzehn Minuten vergehen. Frisches Gemüse und Obst kommen zum Schluss, obenauf auf Flaschen, Dosen und Kartonagen. Insbesondere Äpfel sind angedacht. EIN Monat ohne Äpfel – ich will mir EINEN solchen Verzicht nicht monochrom ausmalen. Gleich dort drüben. Nur noch den langen Gang entlang, vorbei an Tiefkühlkost und dem Drogeriebereich. Schon heißt es: Willkommen im globalen Sortiment fruchtiger Köstlichkeiten.
Nenne mir EINEN Buchstaben, abgesehen von O, Q, X und Y und ich nenne dir kurzerhand EIN Land, dessen Früchte hier zuhauf angeboten werden. Die Äpfel, nach denen mir immerzu der Sinn steht, kommen aus der Mitte des Alphabets und zugleich vom Ende der Welt. Sie gleichen jenen, die ich im Sommer, ohne den geringsten Aufwand, vom Baum im Garten geschenkt bekomme. Hier gibt es so viele verschiedene Sorten. EINE Weltreise im Schnelldurchgang, die unvereinbare Welt vereint in EINER einzigen Wohlfühlklimazone. Hell, trocken, warm. Es umweht mich nicht ein Lüftchen Unverfügbarkeit.
Ich greife aus dem Stand nach Neuseeland, ohne den Arm über Kontinente und Ozeane ausstrecken zu müssen. EIN Kinderspiel. Der rote Apfel, mit etwas Gelb, fühlt sich vertraut an. Er könnte, dem Dafürhalten meiner Nase nach, mitunter auch EIN Apfel aus Plastik sein. Ich habe keine Ahnung, warum ich ausgerechnet heute hier an einem Apfel schnuppere. Offenbar Zufall. Offennasig fehlt der Duft des Sommers. Offenkundig ist dieser unterwegs verloren gegangen.
Wahrscheinlicher aber hatte der Apfel nie die Gelegenheit gehabt, sich seiner duftenden Reife vollends bewusst zu werden. Im Wechselspiel von Glukose und Fruktose und dem sich daraus ergebenden Gehalt an Vitamin C, der mit zunehmender Reife weniger wird.
Ich halte den Apfel in der Hand, beäuge ihn genau. Außer mir, stelle ich mit einem kurzen Blick nach links und rechts fest, reisen noch EIN paar weitere Pseudoglobetrotter durch das globale Dorf im farbintensiven Fruchtformat. Ich beschaue weiter den Apfel, der plötzlich beginnt, mir seine Geschichte zu erzählen. Ich ahne, warum ich ihm, der so geruchslos ist, mein Gehör schenke und ihn nicht mehr aus den Augen lasse.

Währenddessen spannt sich vor meinem geistigen Auge im Nu EINE riesige Weltkarte auf. EIN grünes Fähnchen steckt im etwas nördlich gelegenen Land. In diesem stehe ich im Einkaufszentrum, mit diesem Apfel in der Hand – als stünde ich mit EINEM Schädel auf der Bühne, EINE bekannte, vorerst unbeantwortete Frage in die konservierte Klimazone werfend. Wie eine Spur aus Ameisen wandern Punkte auf der Karte von dem Fähnchen fort zur Küste, von dort über den weiten Ozean, in Richtung eigentlicher Apfelheimat. Wo er, auf der südlichen Hemisphäre der Erde, vorzeitig dem Sommer entnommen worden war, um zu mir in eine andere Jahreszeit zu gelangen, steckt EIN weiteres Fähnchen – ein rotes. Irgendwo unterwegs hat auch der Apfel eine Jahreszeit übersprungen, nur war der Sprung weiter als meiner vom Parkplatz in den warmen Schlund des Supermarkts hinein. Ich erblicke EIN riesiges Containerschiff, mehrere Einkaufszentren lang, der Ameisenspur folgend. Bewegt wird es von mächtigen Dieselmotoren, auf Kurs gehalten von Satelliten, die hoch über dem Wasser unter ihnen geradewegs für Ordnung sorgen. Lautlos zerbirst das Schiff in grobe Einzelteile, mitten auf dem Meer, und etliche verschiedenfarbige Ameisenspuren stieben in alle Himmelsrichtungen davon. Dorthin, wo all diese Einzelteile produziert wurden. EIN Satellit erscheint oben im Norden der Karte. Er zerfällt gleichfalls ohne Laut und die Ameisen sind sofort zahlreich zur Stelle. Wo die beiden Fähnchen stecken und EINE Zeitreise von Äpfeln markieren, tauchen verschiedene Transportfahrzeuge, Infrastrukturen und Gebäude auf. Wo der Satellit zerfiel, kommt EINE Trägerrakete mitsamt ihrem Raketenbahnhof, links auf der Karte gelegen, zum Vorschein. Kaum erschienen, zerfallen auch sie und lösen sich auf in abstraktes Feuerwerk aus farbigen punktierten Spuren. Die gesamte Karte erstrahlt. Unzählige Farbausläufer enden in jenen Ländern, in denen sämtliche Einzelteile ihren Anfang genommen hatten, um zu dem zu werden, was sie waren, bevor die Ameisen über sie hergefallen sind. Und all das nur, wird mir schlagartig klar, den Apfel mit ANDEREN Augen anstarrend, für eben diesen, den ich noch immer in der Hand halte. Ich selbst unlängst kritisch beäugt von EINEM Teil meiner Mitreisenden.
Ich blinzle nur und schon habe ich erneut die Karte vor Augen, auf der das Ameisenfeuerwerk weiter in ungezügeltem Gange ist. Selbst die Ursprünge aller Rohstoffe, die zu Einzelteilen verarbeitet wurden, sprießen nun allerorten. Kaum EIN Land ist noch unter all den farbigen Spuren zu erkennen. Die Ameisen haben die Erde im Griff. Würden nur einige ihrer Spuren fehlen, könnte ich den Apfel außerhalb der hiesigen Apfelsaison nicht in der Hand halten. Das ist der Moment, in dem mir schwindelt und mir die Frucht von der Handfläche rollt. Mit einem dumpfen Geräusch kontaktiert sie den harten Boden und kullert verwundet unter die Auslage, auf der Unmengen Bananen liegen. Noch grün. Hinter den Ohren? Weil auch sie keine Ahnung von natürlicher Reife haben? Oder bedingt durch Seekrankheit? Wahrscheinlicher aber infolge EINER folgenreichen Zeitreise.

Verrückt. Ich sitze wieder im Auto, ohne mir all die Einzelteile EINES Autos und die Reaktion der Ameisen farbig ausmalen zu wollen. Im Kofferraum ist weniger Obst, als ich einzukaufen vorhatte. Äpfel fehlen. Wirklich verrückt. Wie schnell sich doch EIN vertrautes Bild der Welt verändern kann. Einfach so.
Der Baum im Garten, er verschenkt seine Früchte im Sommer. Die Stadt dagegen, denke ich weiter und starte den Motor, sie liefert diese Früchte das ganze Jahr über, völlig unabhängig von der Jahreszeit, im Schein von Reife.
Der Gartenapfel wächst vor Ort und teilt seine Umwelt demjenigen direkt mit, der ihn reif vertilgt, so, wie ich den Apfel im Sommer pflücke und ihn mir schmecken lasse. Ich schmecke ihn augenblicklich tatsächlich, durch die verschneite Umgebung fahrend, angetrieben von Sonnenlicht aus unvordenklich ANDEREN Jahreszeiten. Zwischen Pflücken und dem ersten Bissen liegen hingegen einzig unmotorisierte, doch keineswegs unmotivierte Atemzüge. Kurz davor trägt sich das wortlose Zwiegespräch von Apfel und Körper zu, in welchem sich alles um Anverwandlung dreht und Appetit mitunter zu Hunger wird.
Die Äpfel der Stadt, sie wachsen nicht in dieser, schon gar nicht im überdachten Laden. Sie werden unreif wie EINE unterbrochene Kindheit vom Baum EINER fernen Nation entfernt. Noch hart beginnt der Äpfel lange Reise durch die saisonale Zeitmaschinerie, damit sie unterwegs nicht verderben und keine Eindrücke der Zeitreise sich einprägen. Es wäre schlecht für die geschäftliche Verkettung zwischen grünem und rotem Fähnchen. Hinzu kommt: Bei Reisen in die Vergangenheit oder Zukunft sollten keine Spuren zurückbleiben oder vorauseilen – weder theoretisch noch fiktiv. Man kann ja nie wissen, wohin das gegenwärtig führen mag.

Wieder daheim. Die Einkäufe verstaut, den Bruch mit dem Lauf der Jahreszeiten ansatzweise verdaut. Angenommen, ich lege beide Äpfel nebeneinander, den vom eigenen Baum und jenen aus der Ferne. Auf den ersten Blick und dem allgemeinen Verständnis nach, scheint kein Unterschied vorzuliegen. EIN Ernährungsexperte würde wissenschaftlich fundiert belegen: Äpfel sind gesund und daher ist es egal, welchen der beiden Äpfel ich nun verzehre. An apple a day keeps the doctor away. Selbiger Experte würde mir auch dazu raten Äpfel zu essen, wenn Winter ist. Primär der Vitamine, der Mineralstoffe, der sekundären Pflanzenstoffe wegen. Ich komme ins Grübeln und erinnere mich an den Schwindel im Supermarkt. Ist es wirklich egal, welchen Apfel ich wann und wo esse? Vielleicht gilt eher: A doctor a day keeps the wisdom of Nature at bay.
Den Gartenapfel pflücke ich aus eigenem Körpervermögen heraus. Ich muss meinen Körper bewegen, um an diesen Apfel zu gelangen und bewege mich durch unser beider Umwelten zu ihm hin, die sich umso mehr gleichen, je näher ich ihm komme. Den Weltreiseapfel könnte ich nicht aus eigenem Vermögen bekommen, zumal seine Umwelt nicht der entspricht, in der ich verwachsen bin. Stattdessen bin ich von langen Verkettungen verschiedenster Arbeitsschritte emsiger Ameisen abhängig, von denen ich aber nicht EINEN Schritt selbst leiste. Ich bin komplett auf fremde Energie angewiesen. Sie nahm dort ihren Anfang, wo sie als Erdöl aus den Tiefen der Erde geholt worden war, zu Treibstoff, Kunststoff, Dünger und Strom verarbeitet. Dazu gesellt sich das Geld, das ich benötige, damit ich mir den Apfel im Laden, nach all den Verkettungen, kaufen kann. Geld, das ich verdiene, indem ich den Verkettungen meine eigene Verkettung fremder Energie hinzufüge und weitere Unmengen Ameisen auf die Welt loslasse.
Es ist komisch und mutet umso dramatischer an, je länger und weiter ich der Verkettung des Apfels mit seinem Ursprung folge: Der Apfel aus der Ferne, er müsste eigentlich den typischen Geruch von Erdöl verströmen. Von wegen außersaisonales Angebot. Der Apfel ist EIN Danaergeschenk. Aber wer schert sich schon um die ersten drei Silben, wenn die letzten beiden im Kurzzeitgedächtnis hängen bleiben?
So betrachtet, lägen nicht nur viele Kilometer und Jahreszeiten zwischen beiden Äpfeln, sondern Millionen Jahre – und doch sind sie sich äußerlich sehr ähnlich. Der Unterschied zwischen beiden Äpfeln, er liegt im Verzehr von Sonnenlicht. Das eine aus der Gegenwart, das andere aus einer ANDEREN Zeit des Lebens. Wie schwer mag die Last all jener Äonen auf dem Leben der Gegenwart liegen? Wie viel EIN Bissen davon wiegen? Welche Kosten für das Leben sich aufaddieren? Und in welcher Währung mögen diese letztlich beglichen werden? Von wem?

Ich esse einen Apfel, weil ich Hunger habe und meinen Körper mit Nahrung versorgen muss, damit er seinen lebendigen Tätigkeiten nachkommen kann. Die Energie, die leibhaftige Eigenschaft, die ich meinem Körper durch den Apfel vom Baum zufüge, steht in Relation zu jener, die mein Körper benötigt, um zum Apfel zu gelangen, ihn zu pflücken, zu essen und zu verdauen – dadurch ein kleines bisschen Apfel werdend. Die Energiebilanz dürfte ziemlich ausgewogen ausfallen – um nicht zu sagen natürlich, weil zeitnah. Der Apfel und ich teilen uns einen gemeinsamen Kontext weitestgehend deckungsgleich. Im Kontext der Jahreszeiten und des Gehalts an wesentlichen Informationen, welche die Sonne über den Apfel an meinen Körper weitergibt. Wie ein eindeutiges Alibi? Weil der Apfel vom Baum im Garten meine konsumierte Unschuld bezeugt?
Es braucht keinen Mathematiker, Physiker oder sonst EINEN Experten, um sich die katastrophale Bilanz des Apfels aus Neuseeland vor Augen zu halten. Ein Blick auf meine geistige Karte genügt – sie hängt noch immer in EINEM der Hinterräume meines Gehirns. Die Bilanz, fürwahr, sie ist EINE einzige Katastrophe. Keine Spur eines gemeinsamen Kontextes, weil die Unnatürlichkeit Zeitferne zur Folge hat. Spuren zuhauf indes von all den Elementen, die aufgezehrt wurden, um den Verzehr weniger Spurenelemente zu ermöglichen. Wie viel Energie braucht es weltweit für EINEN solchen Apfel? Einzig, um den natürlichen Lauf der Jahreszeiten künstlich zu umschiffen? Im Vergleich zu meinen nackten Schritten durch Gras und dem unbeschwerten Anheben meines Armes? Vor allem aber wofür? Wofür all dieser unausgewogene Aufwand? Die Antwort auf diese Fragen fällt mir unerwartet wie ein reifer Apfel in den Schoß, säße ich in diesem Augenblick unter einem schattenspendenden Apfelbaum.
Genauso unerwartet ist der Schwindel wieder zugegen. Oder sollte ich diesmal sagen: Ich werde des Schwindels gewahr. Jener, mit dem sich bisherige Weltbilder um sich selbst drehen und jener, der das Verbrechen bedingt, für das wir Menschen, auf stete Verfügbarkeit eingestimmt, EIN Alibi benötigen.

Wie ergeht es einem ANDEREN Lebewesen, das in der Natur unterwegs ist und Nahrung dort vorfindet, wo es lebt? Ohne Geld im Fell, ohne Containerschiffe und Satelliten ersonnen zu haben? Ohne die Welt in Ketten zu legen? Einzig unterwegs im Zusammenspiel des Lebens mit dem Licht der Sonne. Ohne den geringsten Anflug von … von … Energieraub! Genau!
Je unausgewogener die Energiebilanz, desto künstlicher ist ein Prozess. Ist Natürliches die Abwesenheit von Ketten jedweder Art? Ist Natürliches durch die Anwesenheit ausgewogener Energiebilanzen verkörpert? Das ist es, das uns Menschen, in der Summe, von allen ANDEREN Lebewesen unterscheidet: Wir sind – und sind es mehr denn je – Energieräuber. Daher das Alibi, das uns riesige Tempel errichten lässt, die Ausdruck unseres Fortschritts sind – und in denen wir uns unter unseresgleichen keines Raubes schuldig zu fühlen brauchen.

Der 3. Band erscheint im Oktober 2018, unter dem Titel RAUB.