Seine Stimme abgeben

Der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges sagte „Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn“. Nun, ich denke, das trifft die Einzigartigkeit des Lesens von Büchern nicht ganz. Trefflicher klingt: Lesen ist das Probieren fremder Gedanken mit bekannter Stimme – nämlich der eigenen. So wird das gelesene Buch für den Leser mitunter zur sättigenden Nahrung.

Nun lesen immer weniger Menschen immer weniger Bücher, wohingegen immer mehr Menschen sich von Videos immer mehr Antworten erhoffen. Das gilt insbesondere für jüngere Menschen, wie der millionenfache YouTube-Hit ›Die Zerstörung der CDU‹ von Rezo es bezeugt. Videos aber sind fremde Gedanken, die man nicht mit bekannter Stimme probieren kann, da Videos auch gleich EINE fremde Stimme mitliefern, die EINEM Fastfood schmackhaft und Appetit auf Mehr machen will.

Verzehrt man das Video von Rezo und schluckt, was bezüglich des Klimawandels dargeboten wird, dann wird klar, warum manch EINE(R) fordert, dass Jugendliche hierzulande schon mit 16 ihre Stimme abgeben sollen. Wer braucht schon eine eigene Stimme, wenn fremde Stimmen EINEN füttern, ohne nahrhaft und sättigend zu sein?

Kürzlich konnte ich Yuval N. Hararis Gedanken in seinem Buch ›21 Lektionen für das 21. Jahrhundert‹ probieren. Darin wird unter anderem Folgendes serviert:

Wenn Sie also dafür sorgen wollen, dass Menschen wirklich an irgendeine Fiktion glauben, dann bringen Sie sie dazu, ein Opfer für diese Fiktion zu bringen. Sobald jemand für eine Geschichte leidet, reicht das in der Regel, um ihn davon zu überzeugen, dass die Geschichte wahr ist.

Quelle: Yuval N. Harari – 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert – Seite 376

Kein Wunder, dass immer mehr, vor allem jüngere Menschen die Geschichte vom Klimakiller CO2 und vom baldigst drohenden Klimakollaps glauben und seitens der Klimaprediger gefordert wird, dass zur Abwendung des Unheils verschiedenste Opfer erbracht werden müssen, z. B. EINE CO2-Steuer. Nur dürfte das dem CO2 in der Atmosphäre und dem Klima ziemlich egal sein.

Ja, der Glaube versetzt noch immer Berge:

Was haben der Glaube und das Klima offenbar gemein? Woran man glaubt, wandelt sich im Laufe der Zeit ebenso, wie das Klima sich wandelt. Was beide unterscheidet? Was manche Menschen glauben, ist anderen Menschen nicht egal, aber dem Klima ist es egal, was Menschen hinsichtlich seiner Wandlungsfähigkeit glauben.

Wahrscheinlich ist auch Verlagen nicht egal, was Menschen glauben, denn je mehr Gedanken ich von Harari probierte, desto mehr fragte ich mich, welches Opfer der Autor selber bringen musste. Harari macht keinen Hehl daraus, dass auch er an die Geschichte vom drohenden Klimakollaps glaubt – obwohl er nachvollziehbar darlegt, was es mit dem Glauben, an was auch immer, tatsächlich auf sich hat