Tante Mu kam zu Besuch – und blieb.

Tante Mu, wer kennt sie inzwischen nicht, hat viele Namen und monatlich werden es derer mehr:

Während Wissenschaftler immer mehr potenziell besorgniserregende Varianten des Coronavirus Sars-CoV-2 identifizieren, ringen sie um passende Namen.

Neue Namen für das Virus – Spektrum.de

Nun, wir sollten uns daran gewöhnen, denn Tante Mu wird bleiben, egal, wie lange und oft wir meinen, uns in unseren vier Wänden vor ihr zu verstecken oder versuchen, ihr anderweitig aus dem Weg zu gehen:

Covid is not going away any time soon. In fact, it is going to remain a part of our lives. Medical professionals are beginning to recognize Covid will likely join the growing list of endemic diseases.

What Does It Mean for a Virus to Become ‘Endemic?’ – AIER

Vater wiederholt unentwegt, man könne sich Tante Mu einzig schöntrinken, während Mutter nicht müde wird, darauf hinzuweisen, dass wir es ja nicht ANDERS gewollt hätten und jede Generation ihre Versionen einer Tante Mu auszuhalten hätte. Die eigene Verwandtschaft, sagt sie, könne man sich schließlich nicht aussuchen und Tante Mu gehöre nun mal zur Familie dazu.
Viele in unserer Familie widersprechen Mutter diesbezüglich. Unter anderem jene Hochbetagten, die aufgrund etlicher Gebrechen in Pflegeheimen wohnen. Sie alle wollen aufgrund alter Familiengeschichten nichts von Tante Mu wissen und gehen eher mit Vaters Vorschlag konform. Dabei wäre es endlich an der Zeit, EINANDER auszusprechen und vergangene Vorurteile und Missverständnisse gemeinsam aus der Welt zu schaffen.
Es gibt sogar verschiedene Theorien, wilde Spekulationen und Gerüchte, die sich um Tante Mus Leben ranken wie angsteinflößende Schlingpflanzen um bloße Knöchel. Sie hätte ein folgenreiches Verhältnis mit EINEM Chinesen gehabt, hört man immer wieder. EINEM bizzaren Fetisch fröne sie, EINEM, bei dem man in aller Öffentlichkeit Masken trägt und zudem nicht nur Kinder auf EINEM Altar voller Zahlen und verschlagzeilter Worte opfert. Auch treibe sie sich mit allerhand undurchsichtigen Gestalten herum, über die Bücher geschrieben werden und die in den Medien, wie ein lauter Bach vorm Haus, allgegenwärtig sind. Gar meinungsmordend soll Tante Mu sein, da andererseits jene Menschen, die sich näher und ohne Tunnelblick mit ihrer Geschichte befassen, plötzlich aus der Öffentlichkeit verschwinden.

Wie dem auch sei, nichtsdestotrotz besteht Hoffnung auf Wiederherstellung des Familienfriedens. Blut, wie man so sagt, ist dicker als Wasser. Genau aus diesem Grund lässt Tante Mu nicht locker, auch wenn – respektive weil – immer noch Tantemulogen vor allzu frühen Lockerungen warnen.
Diese Tantemulogen, sie wollen nicht wahrhaben, warum Tante Mu, wie eingangs verlinkt, endemisch wird und warum wir ihr auch in Zukunft nicht aus dem Weg gehen können und es nicht länger tun sollten. Kein Wunder also, dass Tante Mu immer öfter, auf ihre ganz spezifische Art, anruft, Briefe schreibt, ums Haus herumstreift, Steinchen gegen Scheiben wirft und was man sonst so macht, damit man in Erinnerung bleibt. Ergo, je mehr man bestrebt ist, Tante Mu aus dem Familienleben herauszuhalten, desto mehr sieht sie sich genötigt, immer eindringlicher Teil der Familie zu bleiben, weshalb ihr Lieblingsspruch seit Urzeiten lautet: News in Nature are going viral. Mutter, sie muss bei diesem Satz immer lächeln.

Wenn ich Vater auf solche Gegebenheiten hinweise, winkt er nur ab und beginnt seinen Monolog vom Schöntrinken erneut. Er kann und will nicht begreifen, dass im Blut der Familie noch ANDERES zugegen ist, als ein erhöhter Blutalkoholspiegel allein. Selbst Vaters Referenzwerk, sein persönliches Who is WHO?, aus dem er nicht müde wird zu zitieren, wenn es um Tante Mu und weitere Familienmitglieder geht, weist neuerdings darauf hin, dass bisherige Annahmen, bezüglich diverser Familienverhältnisse, nun etwas ANDERS zu interpretieren seien, wie hier nachgelesen werden kann.
Endemisch werden, es bedeutet, wohl oder übel, dass wir Tante Mu, unter welchem Namen und in welcher Form sie auch in Erscheinung treten mag, umso öfter und beharrlicher zu Gesicht bekommen werden, je länger wir die Ko-Evolution weiter mit Füßen treten und zum Anti-Körper des Lebens werden. Was uns Tante Mu unentwegt versucht zu sagen? Vielleicht, dass wir langfristig biologischen Selbstmord aus Angst vor dem Leben begehen und sich das Leben schönzusaufen nur kurzfristig Abhilfe schaffen kann – wenn überhaupt.